Zwischenrufe - Sprache der Malerei

09/02/2026

Lesedauer ca. 4 min

Die Sprache der Malerei ist aus meiner Sicht eine ganz eigene. Wer denkt, dass man einfach nur den Pinsel in die Hand nimmt und irgendetwas auf einen Untergrund schmiert, der irrt sich. Ich glaube, dass jede Person, die schon einmal versucht hat ein Bild zu malen, mit vielen inneren Stimmen konfrontiert wurde. Die meisten stammen wohl von einer kritischen inneren Stimme, die ständig reingrätscht und Dinge sagt wie: «Das wird so schlecht, du kannst das nicht, hör am besten gleich damit auf, das sieht scheisse aus, was denken wohl die anderen, das sieht aus wie von einem Kind gemalt.»

Übrigens, falls du den letzten Punkt kennst – «das sieht aus wie von einem Kind gemalt» – kann ich dir nur gratulieren. Denn dann hattest du meiner Meinung nach einen Moment der Verbindung mit deinem inneren Kind. Zudem empfinde ich Kinderzeichnungen als wunderbar, weil sie völlig unverfroren, ehrlich und sehr ausdrucksstark sind. Sie mögen anatomisch nicht korrekt sein, sie mögen nicht sonderlich harmonisch oder klassisch schraffiert sein, aber was soll's? Was ist denn das Schöne an der bildlichen Kunst? Dass man etwas darstellt, ohne Worte zu benutzen. Je klarer die Nachricht darin ist, umso eindrucksvoller empfinde ich es.

Viele kennen zum Beispiel Familiendarstellungen, die von Kindern gemalt wurden. Die grösste Person darauf ist meist die wichtigste oder die entscheidende Person der Familie. In meinen Zeichnungen war meine Mutter immer die grösste Figur, gefolgt von meinem Wellensittich, dann meiner Schwester und mir, und ganz klein am Schluss kam mein Vater. So ein Bild sagt mehr als tausend Worte über die Sicht eines Kindes auf seine Familie.

Der Prozess des Kreierens

So sagt die Sprache der Malerei vieles über eine Situation oder eine Person aus. Vielleicht auch über ein Thema, aber immer gepaart mit dem Innenleben des Menschen, der es erschaffen hat. Man muss lernen, mit diesen inneren Stimmen während des Prozesses umzugehen. Bei diesem Bild hier, das ich liebevoll «Zwischenrufe» nenne, gelang es mir, diesen einen Moment sehr bewusst wahrzunehmen, in dem die innere Stimme den Prozess des Malens sabotieren wollte. Nun, sabotieren klingt ein wenig hart, aber ich lasse es mal so stehen, denn eigentlich empfinde ich es wirklich als übergriffig.

Es entstand ein Moment, in dem ich eine Blockade spürte. Es kam Angst in mir auf. Angst, das Bild zu ruinieren. Es kamen Stimmen hoch, die sagten: «Wenn du das so machst, dann verkackst du es. Es wird scheisse, niemand wird es verstehen oder schön finden.» Einige Minuten verstrichen, in denen ich einfach nur da sass, unfähig irgendwie weiterzumachen. Bis ich dann einen klaren, kleinen Augenblick verspürte und merkte, dass es hier gar nicht um das Aussen geht. Es geht um mich und um das, was in mir drin gerne weitermachen möchte. Um diesen unschuldigen Part in mir, der einfach nur sein, kreieren und sich ausdrücken will. Punkt. Und so dachte ich mir dann: «Mach einfach, was du willst, probiere dich aus, tu das, was du für richtig hältst.»

Das kostbare Geschenk

So konnte ich mich aus dieser Starre lösen und endlich weitermachen. Es war mir in diesem Moment wirklich egal, was aus dem Bild werden würde, denn das, was ich gewonnen hatte, war ein viel kostbareres Geschenk: Vertrauen in die eigene Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Mitgefühl für sich selbst. Ein Mitgefühl, dass nichts direkt ändern oder verbessern möchte, sondern einfach da ist. Ich nahm mich selbst an die Hand und gab mir das, was ich brauchte, statt auf das zu hören, was andere Stimmen sagten.

Ich weiss, dass solche Aussagen heutzutage oft als total ausgelutscht abgestempelt werden. Aber ist das Thema wirklich deshalb so verbraucht, weil wir es alle bereits so wunderbar leichtfüssig leben? Ganz ehrlich, ich glaube nicht. Ich glaube, wir tappen am Tag x-mal in diese Falle, in der wir anderen Stimmen folgen statt unserer eigenen. Dass wir hart und streng mit uns sind. Und wenn wir dann doch mal lernen, auf uns zu hören und uns zu respektieren, kommt vielleicht ein schlechtes Gewissen auf – eines, das uns einreden will, man sei zu egoistisch und die Welt funktioniere so nicht, wenn jeder nur noch an sich selbst denkt.

Ich bin da anderer Meinung. Ich durfte andere Erfahrungen machen. Jedes Mal, wenn ich zuerst geschaut habe, dass es mir gut geht, dass meine Grenzen gewahrt werden und ich mich wohlfühle, dann konnte ich auch viel lieber und grosszügiger etwas von mir geben. Ich konnte bewusst das geben, was ich wollte, und das war und ist qualitativ so viel hochwertiger, als wenn ich es einfach nur tue, «weil man es halt so macht». Meiner Meinung nach ist man dann viel verbundener mit seiner Umwelt als andersherum.

Genau so ist es auch bei diesem Bild. Ich schaue es jetzt an und denke, wie wunderbar und perfekt es geworden ist. Es ist genau so, wie ich es umsetzen wollte, ohne einen Plan oder ein Ziel dafür zu haben. So durfte vielmehr darin entstehen, als wenn ich mich auf die anderen Stimmen eingelassen hätte. Eine schöne und erfüllende Diskussion, die sich in Farben und Formen zeigt.


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