"Ungesehene Schönheit"
Dieses kleine Stück aus der 10x10 Serie entstand durch die Frage, ob wir Schönheit eigentlich wirklich erkennen können.
Kürzlich sah ich einen kurzen Ausschnitt aus einer Vorlesung von Vera F. Birkenbihl über das Thema Liebe. Sie fragte darin, ob wir Liebe nicht oft mit etwas anderem verwechseln, nämlich mit Erwartungen. Sind sie erfüllt, nennen wir es Liebe. Obwohl es vielleicht eher eine Anziehung oder Affektion ist. Was aber, wenn diese Erwartungen unerfüllt bleiben? Ist das der Moment, in dem wir dazu neigen, alles zu hinterfragen und nicht mehr von Liebe zu sprechen?
Dieser Ausschnitt hat mich sehr inspiriert, auch in Bezug auf die Schönheit einen gedanklichen Ausflug zu machen.
Schönheit, vor allem die innere, so sagt man, sei ja viel wertvoller. Wer hat es nicht schon gehört: "Nur die innere Schönheit zählt"? Und wer hat sich nicht auch schon unschön, hässlich oder unzureichend gefühlt und dabei gedacht, dass dieser Satz Bullshit ist, weil er einem im Moment gar nichts bringt?
Nun, wie erkennt man Schönheit überhaupt? Die äussere ist aus meiner Sicht grundsätzlich Geschmackssache. Ist das mit der inneren auch so? Ist sie ebenfalls Geschmackssache oder hängt am Ende alles an unseren eigenen Blickwinkeln und Ansichten? An unseren Egoglaubenssätzen? Was findest du schön? Äusserlich meine ich, und wieso überhaupt? Was hat dieses Bild in deinem Kopf geprägt? Ist es wirklich so unvoreingenommen, wie wir vielleicht denken, oder doch eher oberflächlich? Entscheidet vielleicht ein Trend, was du als schön erachtest?
In Bezug auf die äussere Schönheit scheint es heute oft so, als müsste man ungeheuer vieles sein. Wir streben nach einer Perfektion, die man messen kann, und optimieren uns bis ins Unendliche. Falten? Nein, das geht gar nicht! Altwerden gilt fast schon als Schande.
Wow... Ich habe grosses Mitgefühl mit allen, die glauben, sie dürften nicht altern. Dabei: Was für eine Ehre ist es eigentlich, alt werden zu dürfen? Wann ist uns diese Sichtweise nur abhandengekommen?

Zurück aber zur inneren Schönheit, die ich als viel interessanter erachte. Ich empfinde sie als etwas Unantastbares. Sie existiert in jedem Menschen und in jedem Wesen auf dieser Erde. Jedes ist individuell und ganz rein in seinem Kern. Vielleicht kann sich dieses Sein durch Äusserlichkeiten verändern, aber ich glaube, tief im Inneren bleibt es unantastbar. Womöglich verlieren wir während unserer irdischen Reise hie und da den Kontakt dazu. Findest du ihn aber wieder, dann glaube ich, dass du auch um einiges fähiger bist, die Schönheit der Welt um dich herum wahrzunehmen, nebst deiner eigenen.
"Deine eigene Schönheit wahrzunehmen", das mag im ersten Moment egozentrisch klingen. Doch ich sehe es als immer wichtiger an, weil es ein Begegnen mit sich selbst und der eigenen Imperfektion ist, und zwar mit offenem Herzen. Es geht dabei keineswegs um eine narzisstische Haltung. Ich merke in der Gesellschaft oft eine Unsicherheit: Alles, was sich selbst wohlwollend entgegentritt, wird schnell in diese Narzissmus Schiene geschoben. Doch vielleicht gibt es hier nicht nur Schwarz und Weiss.
Was aber, wenn die innere Schönheit ebenso an Bedingungen geknüpft ist wie die Liebe, von der Vera Birkenbihl spricht? Hast du dich mal gefragt, wieso du einen Menschen innerlich schön findest? Ich könnte mir vorstellen, dass es ein ähnliches Spiel ist wie bei der äusseren Schönheit. Was macht einen Menschen innerlich schön für dich? Ist es, weil er dieselben Ansichten wie du trägt, dir supportiv begegnet oder einfach deinem Weltbild mehrheitlich entspricht? Und wie steht es mit deiner eigenen inneren Schönheit? Knüpfst du sie ebenfalls an Bedingungen oder lässt du dich von ihr einfach berühren und spürst sie?
Kannst du all das auch mal loslassen? Kannst du aus deiner eigenen Mitte und Schönheit heraus einer anderen Schönheit begegnen, ohne zu werten? Kannst du das Gute, die Schönheit und die Liebe in einem Menschen sehen, der absolut nicht deinem Weltbild entspricht?
Je nachdem, wen ich mir gerade vorstelle, finde ich das ganz schön schwer. Doch vielleicht liegt genau da die Kunst in der Kunst selbst. Dieses Bild hier mit dem Titel "Ungesehene Schönheit" mag für die einen schön sein und andere überhaupt nicht ansprechen. Falls du es nicht schön findest, lade ich dich ein, es dir nochmals anzusehen und dich zu fragen: "Wieso eigentlich?" Was genau gefällt dir nicht? Und wenn du es klar benennen kannst, schau noch einmal hin. Schau so hin, als wärst du total unvoreingenommen, wie ein leeres Blatt Papier, einfach neugierig auf dieses Etwas. Selbst wenn du danach noch immer kein Fan vom Gesamtbild bist, bin ich mir sicher: Du wirst einen kleinen Teil finden, eine Ecke, ein Detail oder eine Farbe, die dir gefällt. Einen Teil, der Schönheit in sich trägt und sie dir zugänglich macht.
Vielleicht mag das alles etwas durchgekaut klingen oder manche mögen es naiv finden. Ich persönlich bin mir jedoch sicher, dass es eine wunderbare Übung für den Alltag wäre. Würden wir alle unsere Blicke hie und da etwas neutralisieren, uns öffnen und neugierig ins Leben sehen, gäbe es mehr Verständnis, Liebe und Frieden auf dieser Welt, weil es immer weniger vorbelastete Tunnelblicke gäbe.
In dem Sinne wünsche ich dir eine klare Sicht :)
Dankeschön fürs Mitlesen!
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