"Textura" – Die eigene Wahrheit erspüren
Wahrheit liegt immer nur innen, nie im Aussen, oder? Alles, was von aussen zu uns kommt, darf nur eine Anregung sein für das eigene Erspüren. Auf dem Weg der Selbsterkenntnis wird das vielleicht vielen so ergehen: zu lernen, der eigenen inneren Autorität zu vertrauen, die eigene Route selbst zu rudern und sich auf diese längere Wanderung zu sich selbst einzulassen. Ach ja, und mal aufzuhören, sich ständig mit irgendwas abzulenken, um eben nicht in dieses Ruderboot steigen zu müssen, haha.
Doch wie spürt man diese eigene Wahrheit überhaupt? Für mich geht das oft in erster Linie gar nicht über Worte. Oft ist da zwar dieses tiefe Erfühlen im Körper, aber es fehlt schlichtweg die Sprache dazu. Man spürt etwas ganz deutlich, findet aber einfach keine Begriffe, die diesem Gefühl gerecht werden. Worte können den Blick manchmal sogar verstellen oder ein Gefühl zu sehr einengen, meiner Meinung nach.
Was tut man also, wenn die Sprache fehlt, um das eigene Erleben zu fassen? Man wechselt das Ausdrucksmittel. Die Sprache steht für mich auf demselben Regal wie die Malerei. Wenn Worte fehlen, werden Form, Farbe und Material zu meiner Möglichkeit, diesem noch unbenannten Spüren Raum zu geben und einen Ausdruck zu finden. Zuerst bildlich und dann erst sprachlich. Diese Texte entstehen deshalb auch immer erst nach der Vollendung einer Arbeit. Ich sehe auch weitere Künste wie Musik oder Tanz auf demselben Regal und denke, dass es einfach sehr wertvoll ist, dass wir Menschen so eine grosse Auswahl an Hilfestellungen haben, wenn der Verstand allein nicht weiterweiss.
So entstehen jetzt auch die Worte für die kleine und feine Serie "Textura". Ursprünglich war sie gar nicht als eigenständiges Projekt geplant, sondern als ein freies Ausprobieren neben meiner Hauptserie "ReOrientation". Doch genau in diesem ergebnisoffenen Prozess habe ich gemerkt, dass diese Stücke hier ihre ganz eigene Geschichte erzählen.

Unsere innere Landschaft ist nicht immer so eine glatte Fläche, wie wir sie vielleicht gerne nach aussen zeigen. Sie hat raue Stellen, tief sitzende Schichten, Rillen und Unperfektionen. Um sich selbst zu erkennen, muss man all diese inneren Texturen überhaupt erst einmal spüren wollen. Das Wollen wiederum muss zuerst einmal frei von Angst sein, sonst wird es eher zu einem Müssen. Es kann eine raue See sein, dieses eigene Sein. Und gleichzeitig so viel Klarheit und Struktur bringen. Jede See, die rau ist, kann schliesslich nur rau sein, weil es auch eine sanfte Seite gibt: die Stille, die Ruhe und das Vertrauen.
Die rauen, fast felsartigen Strukturen und die klaren Schnittstellen auf der Leinwand zeigen genau dieses Aushalten von inneren Gegensätzen. Das kühle Blau schenkt Tiefe und Ruhe, während das leuchtende Orange und Gelb Wärme hineinbringen. Die Schichten verdrängen sich nicht, sondern existieren nebeneinander. Sie machen sichtbar, dass unsere innere Landschaft nicht glattpoliert sein muss, um stimmig zu sein.
"Textura" ist für mich deshalb der gemalte Ausdruck dieser Selbsterkenntnis. Es ist die Einladung, dem eigenen Spüren wieder voll zu vertrauen, neugierig zu bleiben und die eigenen vielschichtigen Texturen genauso anzunehmen, wie sie sind.

Dankeschön fürs Mitlesen!
Diese Beiträge sind Teil meiner künstlerischen Reise und erzählen die eigenen Geschichten hinter den Leinwänden.
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