[Re]Orientation - Neue Wege auf alten Pfaden: Die Welten des Autismus-Spektrums

24.08.2026

Ein Leben im Autismus-Spektrum bedeutet vor allem eines: den dauerhaften Versuch zu verstehen. Und zwar auf beiden Seiten. Man bewegt sich ständig zwischen zwei Welten – der "normalen" da draussen und derjenigen, die im eigenen Inneren existiert.

Eine Diagnose, speziell im Erwachsenenalter, wirft ein völlig neues Licht auf die eigene Vergangenheit. Jahrelang habe ich beispielsweise Signale weggedrückt oder mir eingeredet: "Das geht doch allen so." (Nein, tut es nicht – die Aussage "Ein bisschen autistisch ist doch jeder" ist etwa so zutreffend wie "Ein bisschen Migräne hat doch jeder".)

Irgendwann merkt man, dass es für viele ganz normal ist, alles klar und im Jetzt zu sehen, anstatt verschwommen, weil man den Fokus total verliert. Man merkt, dass viele Geräusche zugleich für andere ganz üblich sind, während man selbst einfach nur noch Kopfhörer tragen will (und dann, zum Paradox schlechthin, total laut die eigene Musik hört, weil es beruhigt). Man versteht, dass offensichtlich viele Menschen Parfüm in ihren Augen gar nicht überdosieren, sondern es als angenehm empfinden. Dasselbe übrigens mit Sonnencreme oder Haarspülung.

Autismus bedeutet für viele eine fast sekündliche Neuorientierung. Man steht am Bahnhof, worauf man sich schon Tage vorher eingestellt hat, und versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Doch während der Fahrplan lädt, nimmt man gleichzeitig tausend andere Dinge wahr: das Grelle der Lichter, die Tauben, die über die Köpfe flattern, das Rollen der Rollkoffer und der meist grobe Umgang der Menschen damit, das Durcheinander der Stimmen und Sprachen, die vielen Gerüche von diversen Brezelsorten. Innerlich schreit man fast vor Überforderung, weil man sich so verloren und nicht zugehörig in dieser scheinbar normalen Alltagssituation wiederfindet.

Aber wenn es in solchen Momenten gelingt, sich selbst zu halten und einen Weg durch das Chaos zu finden, entsteht etwas Kostbares: ein tiefes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Neuorientierung ist im ersten Moment oft anstrengend und macht Angst. Schafft man sie aber, führt sie zu Sicherheit, Ruhe und Standhaftigkeit.

Genau diese Innensicht möchte ich mit meinen Arbeiten nach aussen darstellen.

Aber wieso eigentlich Landkarten?

Ich kann mich erinnern, wie mich einmal eine Frau fragte, warum ich ausgerechnet auf Landkarten male. Ich verstand ihre Frage gar nicht und versuchte ihr irgendeine für sie logische Antwort zu formulieren, sodass sie nicht weiter fragen würde. Für mich war es so offensichtlich, wie unglaublich toll und erfrischend anders das im Vergleich zu normalen Leinwänden ist. Diese Frage hat mich dann fast eine Woche Verarbeitungszeit gekostet, weil ich verstehen wollte, wieso man sich so eine Frage überhaupt stellt und nicht von selbst auf die Lösung kommt (überhaupt kein Hate an dieser Stelle. Ich schmunzle hier eher über mich selbst).

Es stellt sich für mich mehr die Frage: Was passiert, wenn ich auf Landkarten male?

Einerseits führen sie mich zurück an meinen Kern, an meine Wurzeln. Sie erinnern mich an meinen verstorbenen Vater, der als Bergführer tätig war. Je mehr ich über mich selbst verstehe und lerne, desto näher fühle ich mich ihm und desto mehr Verständnis entwickle ich für ihn. Ich fühle mich ihm verbunden, weil ich das Gefühl habe, dass auch er sich immer wieder in einer Welt wiederfand, die eigentlich nicht für ihn gemacht war – und dass er sich darin wiederum extrem gut neu orientieren konnte. Es ist fast so, als würde ich dann einen Moment mit ihm da am Tisch sitzen und könnte über all das sprechen und all die Fragen klären, die hier so sind.

Zum anderen ist es mein eigener Weg der Auseinandersetzung: mir selbst gestalterisch genau das zu erlauben, was ich tief in mir empfinde. Meine eigene Sprache neu zu entdecken und zu entfalten. Ich wünsche das wirklich jedem Menschen: sich die Erlaubnis immer und immer wieder zu schenken, die inneren Anteile sprechen lassen zu können.

Als ich mit der Serie "[Re]Orientation" begann, merkte ich, wie sehr sich mein Stil verändert hat: weg von figürlichen Darstellungen, hin zu abstrakten, teils geometrischen Formen. Ebenso fiel mir auf, wie lange mich das Bemalen von Landkarten schon begleitet. Es hat sich gelohnt, den alten Pfad noch einmal zu gehen und mit neuem Blick hinzusehen.

Man muss alte Pfade nicht verlassen, um Neues zu entdecken. Manchmal reicht es, stehenzubleiben, sich neu auszurichten und die Abzweigungen zu sehen, die man früher übersehen hat. Oder wie es so schön heisst: Not all those who wander are lost.

In den kommenden Blogbeiträgen möchte ich euch mit ins Atelier nehmen und einzelne Objekte dieser Herzensserie vorstellen. Ich freue mich auf alle, die mich auf diesem Weg begleiten und sich mit diesem Thema verbunden fühlen.


Dankeschön fürs Mitlesen!

Diese Beiträge sind Teil meiner künstlerischen Reise und erzählen die eigenen Geschichten hinter den Leinwänden.

Wenn dieser Einblick dich inspiriert hat & du mich ein Stück weiter auf meinem Weg begleiten möchtest, kannst du meine Atelierarbeit mit einem kleinen Beitrag für neue Farben oder eine kreative Kaffeepause unterstützen. Klicke dafür einfach auf den grünen Link unten.

Vielen herzlichen Dank für deinen Support und dein Interesse.


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