Die Trauer, die sich tragen lässt

19.07.2026

Lesedauer ca. 3 - 4 min.

Ein guter Freund von mir sagte kürzlich: "Dieses Jahr ist innerlich so intensiv. Es passiert gerade viel innere Arbeit." 

Ja, wie wahr diese Worte sind. Genau so fühlt es sich auch für mich an. Gleichzeitig empfinde ich es als grosse Bereicherung, diese Prozesse überhaupt annehmen, anschauen und durchgehen zu können. Wenn man es auf die andere Seite geschafft hat, kennt man sich nochmals ein Stück besser und trägt dieses Geschenk tief in der Seele mit.

Trotzdem lastet aktuell eine grosse Trauer auf meinen Schultern. Ich trage sie, doch ich war mir ihrer Schwere gar nicht so ganz bewusst. Woher kommt sie und was will sie mir womöglich mitbringen? Dies ist etwas, das ich zu ergründen versuche. Das Fühlen ist wiederum etwas, von dem ich dachte, ich wäre ganz gut darin. Doch siehe da, scheinbar lehrt mich dieses Jahr etwas anderes. Oder ist es eher so, dass es mich lehrt, noch tiefer in mich hineinzusehen? Mit einem klareren Blick – denn unser Innenleben ist eben nicht immer so durchsichtig wie ein Bergsee, bis auf dessen Boden man blicken kann.

Ein alter Bekannter – oder darf ich sagen, ein alter Freund von mir – ist kürzlich verstorben. Ein Jahr vor seinem Tod hatte er mich angerufen und gefragt, ob ich für seine Beerdigung einen Bären aus Holz schnitzen könne. Er plante damals schon alles, da er eine Diagnose erhalten hatte, bei der es leider kaum Hoffnung auf Heilung gab. Viele Jahre hatten wir keinen grossen kontakt mehr, doch es freute mich jedes Mal, wenn man sich wieder sah oder hörte. Wir tauschten in seinem letzten Lebensjahr noch eine Handvoll Sprachnachrichten aus. Er freute sich jeweils speziell über die langen Sprachnachrichten, da sie ihm im Spital eine willkommene und fröhliche Abwechslung boten.

Dann, eines Tages, die Nachricht von seinem Tod. Einfach so. Plötzlich. Natürlich wussten wir alle, dass es irgendwann so weit sein würde, aber wenn es dann eintrifft, ist es doch immer wieder ein absolut spezielles Gefühl. Ich konnte es einen Tag lang niemandem erzählen. Und es fiel mir nicht einmal auf. Erst am Tag darauf, als ich begann, mein Umfeld zu informieren, merkte ein Teil von mir, wie sonderbar das eigentlich war. Was war der Grund, dass ich es zurückhielt? Der Schmerz selbst?

Hie und da stelle ich mir die Trauer als eine Art Grossmutter vor. Oder auch als einen alten, mächtigen Baum. Auf jeden Fall als etwas, das tief mit der Erde verbunden ist. Etwas, das dich liebevoll in den Arm nimmt und dir Wurzeln gibt, wenn es dir den Boden unter den Füssen wegzieht. Jemand, der einfach da ist, auch wenn es höllisch wehtun kann, diese Umarmung zuzulassen. Vielleicht stand der Schmerz zuerst nur stumm neben mir. Vielleicht aber umarmte er mich schon und ich stand da wie ein Eisklotz. Ein Eisklotz, der noch nicht bereit ist zu fühlen, weil da noch mehr kommen könnte.

Dieser Freund, der gegangen ist, den würde ich als das pure Leben beschreiben. Lebensfroh, liebevoll, herzlich und auch chaotisch, gepaart mit einer grossen Portion Positivität. Zudem war er sehr ideenreich und tief in seinem Glauben verwurzelt. Es fasziniert mich, Menschen zu kennen, die so sind. Und die Wehmut, die nun mitschwingt, kommt vielleicht auch daher, weil diese Eigenschaften nun wie weggeflogen erscheinen. Sie schienen so fest an diese Person gebunden zu sein und sind jetzt nicht mehr in dieser Form auf der Welt – zumindest nicht mehr an diese eine Seele geknüpft, die sie so reichhaltig verteilt hat.

"Ich hoffe, ich konnte der Welt, wenn ich sie dann verlasse, noch etwas hinterlassen ... weisst du, wie ich meine?" Dies waren in einem Gespräch seine Worte, und ich kann mich gut erinnern, wie erstaunt ich war, dass es da wohl einen kleinen, leisen Zweifel gab. Ein Mensch mit diesen Eigenschaften, der das volle Leben so bejaht und versprüht, hinterlässt sowieso Spuren. Wir alle tun das. Vielleicht ist es mehr eine Frage, auf welche Art und Weise wir das tun möchten. Und so hinterliess sein Ableben auch eine Art Trauer in mir bezüglich dieser Lebensfrage. Lebe ich auf eine Art und Weise, in der ich meinen eigenen Eigenschaften treu werde? Und welche sind das überhaupt?

Die Trauer kann uns also offensichtlich zeigen, dass es noch mehr Facetten in unserem Inneren gibt, als wir angenommen haben. Und wenn wir vielleicht gegen unser Inneres leben, dann muss uns der Schmerz noch fester umklammern und für uns da sein. 

Wie traurig muss das eigentlich für die Trauer selbst sein?

Dieses kleine Bild widme ich meinem alten Freund, der nun in Frieden ruht – und der Trauer, mit all ihren neuen Blickwinkeln. Auch wenn Diese tief im Wasser verborgen liegen, so ist es dennoch möglich, sie neu zu entdecken. Wenn man bereit ist, tiefer zu tauchen.

Ruhe in Frieden 


 Dankeschön fürs Mitlesen.

Das Teilen solcher Momente finde ich wichtig, denn sie gehören oftmals zu einem künstlerischen Hintergrund eines Werkes. Wenn dieser Einblick etwas in dir berührt hat, nimm diesen Gedanken gerne mit in deinen Tag. 

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