"Das blühende Leben"

11.08.2026

Wenn das Leben sich verändern muss, damit du blühen kannst, dann ist das häufig eine überaus mühsame Angelegenheit und ein Zustand, aus dem man am liebsten sofort flüchten möchte. Doch haut man ab, holt einen die Hand des Lebens blitzschnell wieder ein, packt einen an der Schulter und reisst einen zurück zum Start. Dieses Leben hier ist kein Spiel, bei dem man schummeln kann. Man kann eine Zeit lang darum herummanövrieren, aber früher oder später, und wer weiss, womöglich spätestens im nächsten Leben, holt es einen wieder ein. Vielleicht stammt genau daher der Begriff der generationenübergreifenden Traumata.

Die gestalterische Auseinandersetzung mit diesem Thema bringt mir einerseits Frieden, andererseits nervt sie mich wahnsinnig. Jedes Mal, wenn ich an diesem Bild weitergemalt habe, geriet ich gefühlt im Sekundentakt in Blockaden. Oder eher in so etwas wie einen Sumpf. Mit nassen, glitschigen und verschmierten Füssen bin ich dann jeweils mehr schlecht als recht weitergewatet, in mich hineinfragend und über die ganze Situation fluchend.

Mein Leben befindet sich aktuell in einer riesigen Umstrukturierungsphase. Vieles klatscht mir mitten ins Gesicht. Manches lässt man los, nur um im nächsten Moment schon das Nächste auf dem Kassenband liegen zu haben. Kaum hat man das eine abgescannt und verräumt, liegt quasi schon das nächste Stück bereit. Und eigentlich fehlt nur noch, dass jemand fragt: "Sammeln Sie Punkte?" oder "Haben Sie eine Mitgliedschaftskarte?"

Ich sammle weder Punkte, oder wie man in der Schweiz so süss sagt "Märkli", noch besitze ich für irgendein Konsumunternehmen eine Treuekarte. Ich glaube schlichtweg nicht an das Rabattprinzip.

In einem der letzten Blogposts habe ich bereits über das Thema Partswork, auch bekannt als IFS, gesprochen. IFS steht für Internal Family Systems, auf Deutsch etwa Systemische Therapie mit der Inneren Familie. Ein bekanntes und sehr geschätztes Psychotherapiemodell nach Richard C. Schwartz. Es geht davon aus, dass unsere Psyche aus verschiedenen inneren Anteilen, wie dem inneren Kind oder Beschützern, und einem zentralen Selbst besteht.

Man lernt dabei, diese inneren Anteile kennenzulernen, um einen besseren Zugang zu all den Facetten des eigenen Seins zu bekommen. Viele dieser Anteile stecken oft noch in Kindheitserfahrungen fest und versuchen verzweifelt, uns zu beschützen. Das Ziel ist es, ihnen sanft Vertrauen zu vermitteln und sie zu entlasten, im IFS nennt man das Unburdening. So können sie spüren, dass man nun eine erwachsene Person ist, welche die Verantwortung übernehmen kann, und müssen nicht mehr permanent die Kontrolle an sich reissen.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich also intensiv damit und setze das Ganze zudem gestalterisch um. Das fällt mir meist etwas leichter, denn die Malerei ermöglicht mir, unaussprechliche oder noch ungehörte Dinge optisch auf Leinwand oder Papier wirken zu lassen. Quasi erst einmal den ersten Schwall an Emotionen und innerem Geschwätz rauszulassen, damit der Kopf etwas leiser und leichter wird. Zudem wirkt es beruhigend auf mich. Nicht umsonst heisst mein Atelierslogan "Slow Art for a fast Mind".

Sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, beschert einem wunderschöne und unglaublich wertvolle Begegnungen mit den eigenen Anteilen. Gleichzeitig lernt man sich dadurch so viel besser kennen, dass man anfängt, Dinge zu hinterfragen oder sich zeitweise schlechter zu fühlen, weil plötzlich so vieles in einem arbeitet. Das ist übrigens völlig normal und, so würde ich behaupten, Teil jeder tiefen inneren Arbeit mit sich selbst.

Mitten im Prozess ist es oft sogar ein gutes Zeichen. Auch wenn ich spontan behaupte, dass alle, die gerade mittendrin stecken, jetzt heftig den Kopf schütteln und mit den Augen rollen.

Ja, das Selbst ist am Ende das, was man versucht, aus all den Anteilen herauszufischen, die es überdecken. Das Selbst ist kein weiterer Anteil, sondern unser inneres Zentrum – das, was uns wieder ganz bei uns ankommen lässt. Vielleicht eine etwas abstrakte Erklärung, aber es ist ein bisschen so, als würde man sich selbst wiederbegegnen, teilweise nach Jahren der Absenz. Nach Jahrzehnten, in denen die Anteile in uns das Leben irgendwie gelenkt und gemanagt haben.

Ich bin noch überhaupt nicht so weit, dass ich jetzt grossartig über mein Selbst sprechen könnte, da stehe ich erst am Anfang. Allerdings merke ich durch diese Arbeit, dass sie so viel mehr von mir abverlangt, als ich jemals in meinem Leben zu geben gedacht hätte. Das blühende Leben kommt mit einem Preis. Dem Preis des Mutes, der Geduld, der Selbstliebe und des riesengrossen Verständnisses für sich selbst.

Und das Ganze sollte nicht mit dem Hintergedanken eines Strebens nach Glück oder einem vermeintlich besseren Leben angegangen werden. Akzeptanz nach beiden Seiten ist vielleicht die wahre Geheimzutat in diesem Gebräu. Kannst du deine Situation akzeptieren, wie sie ist, und trotzdem weiterhin die Dinge tun, die dir guttun, oder einfach glücklich sein? Im ersten Moment denkt man sich vielleicht: "Ja klar!" Und ich bin sicher, es gibt Menschen, denen das spielend leichtfällt. Mich selbst würde ich nicht direkt dazuzählen, obwohl ich dankbarerweise eine grosse Portion Fröhlichkeit von meiner Familie geerbt habe.

Fröhlichkeit kann, wenn sie als Deckmantel dient, allerdings auch dazu führen, dass man eben nicht hinschaut. Ich nenne das dann so etwas wie Frohdeckung, haha. Ja, ich bin sehr eng befreundet mit der Frohdeckung. Jedenfalls ist das ein weiterer Puzzlestein dieses grossen Ganzen.

So ist es wahrscheinlich wenig überraschend, dass mir das Kreieren, Malen und Zeichnen in diesem Zusammenhang hie und da etwas zäh vorkommt. Es kann ganze Ozeane in uns zum Brodeln bringen und Wellen so hochschlagen lassen, dass wir den Schmerz innerlich noch intensiver spüren. Und doch ist da diese tiefsitzende Gewissheit, dass sich das Wasser wieder beruhigen wird und sich Stille bis an den Meeresgrund ausbreitet.

Und so werfe ich mich in dieses Wasser, in dieses Meer, und lasse die Stürme über mich ergehen. Diese Gefühle spiegeln sich nun so schön auf der Leinwand wider, in den Farben und Pinselstrichen, die mir auf diesem Weg als Orientierung dienen. Das gehört für mich zum mit Abstand bemerkenswertesten Teil dieser Arbeit. IFS verlangt nicht nur etwas von dir, es gibt dir auch unendlich viel zurück.

Und dann, in diesen Momenten des reinen Seins, spürst du es plötzlich: das blühende Leben in dir. Weil du wieder du bist.


Danke dir fürs Mitlesen!

Diese Beiträge sind Teil meiner künstlerischen Reise und erzählen die eigenen Geschichten hinter den Farbschichten.

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